Leseprobe: Absätze 1, 5 und 19

Vaira Vîíe-Freiberga

Die Sonne in der lettischen Mythologie


In der lettischen Mythologie ist die Sonne kein Naturphänomen wie jedes andere, sondern sie bildet den Kern eines begrifflichen und emotionalen Zusammenhangs von solchem Umfang und solcher Komplexität, dass mehr als 4500 Liedtexte und Varianten aufgezeichnet sind, um ihr Ausdruck zu verleihen. Einige der wichtigsten fundamentalen Prinzipien der traditionellen Weltauffassung in der lettischen bäuerlichen Kultur kreisen wie Planeten um das zentrale Kernkonzept der SONNE.

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Ein stilistisches Charakteristikum der lettischen Sonnenlieder wie auch der Dainas allgemein, ist die Fähigkeit, abstrakte, oft philosophische Gedanken poetisch darzustellen. Dies geschieht durch eine kräftige und lakonische Ausdrucksweise sowie durch den Gebrauch lebhafter, konkreter Wörter. Wenn in den Dainas die Sonne besungen wird, verwandelt sich der konkrete Himmelskörper unmerklich in eine metaphorische und allegorische Sonne und diese wiederum in die Sonne - saule - als einem mythologischen und sogar göttlichen Wesen. Da “saule” im Lettischen (wie im Deutschen) ein weibliches Hauptwort ist, erscheint die mythologische Saule als göttliche schöne Frauengestalt, die sogar auffallend fröhlich, ausgelassen und übermütig sein kann, auf einem silbernen Abhang mit goldenen Schuhen tanzt, oder die Kokle spielt (ein lettisches Psalterium, eine ostbaltische Zither), während sie im Osten sitzt. In Texten über die personifizierte Sonne kann man häufig beobachten, dass einige astrale oder meteorologische Naturphänomene metaphorisch ausgedrückt werden durch Begriffe und Vorstellungen, die der bäuerlichen Kultur entlehnt sind. Trotzdem sollte man vorsichtig sein, dies als eine “Projektion der einfachen bäuerlichen Welt” auf den Himmel zu interpretieren, oder gar als eine Einkleidung der Götter in Bauerntrachten. Eher ist es so, und dies entspricht der Weltanschauung der lettischen Dainas, dass das Göttliche aus seinen Höhen zum Menschen herabsteigt. Der Himmel steigt zur Erde herab und flösst den Dingen göttlichen Geist ein. Auch wenn die mythische Saule in traditioneller lettischer Tracht erscheint und mit Gehänge geschmückt ist, ähnlich dem der in jahrtausend alten Gräbern gefunden wurde, und sie die Arbeiten des Hofes verrichtet wie zu früheren Zeiten, muss man sehr vorsichtig sein bei einer einschränkenden Erklärung für diese Metaphern. Diese sind nicht einfach schöne und leere Allegorien, sondern tief empfundene polysemische Symbole, deren Erklärungen auf einer Vielfalt von Erklärungsebenen verteilt sind.

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Wie der griechische Gott Hermes, ist auch die lettische Saule ein Psychopompos - eine Führerin der Seelen, die sie zu Dievs in den Himmel geleitet. Am nächtlichen Himmel ist dieser heilige Pfad als Milchstrasse zu sehen. Auf ihn bereitet sich der Mensch sein Leben lang vor, wobei er seine Arbeiten unterbricht und sich am Ende des Tages Augenblicken der Ruhe und dem Nachdenken hingibt. Jeder Sonn-abend ist ein “heiliger Abend”, an dem sich der Mensch durch einen Reinigungsrhytus, dem körperlichen und geistigen Reinigen in der Sauna, auf den Sonntag vorbereitet (im Lettischen - “Heiliger Tag”). Aber auch jeder einzelne Tag hat einen “heiliger Abend”, der mit dem Ende der Arbeit und dem Beginn des “Sonnenpfades”, der “Welt jenseits-der-Sonne”, oder der “graue Stunde” begangen wird. Der “heilige Abend” und die “graue Stunde” sollen den Menschen daran erinnern, dass es neben der materiellen Seite des Lebens auch eine geistige gibt. Dies sind heilige Rituale, die sicherstellen sollen, dass die Menschen sich einige Gedanken über ihre Seele und das Jenseits machen.

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Aus dem Lettischen von Margita Gûtmane


Lettischer Originaltitel: Saule, pasaule, viòsaule
Erschienen in: Saules zîme / Das Sonnenzeichen [Rîga:
Nordik, 1999]

© der deutschen Übersetzung M. Gûtmane
Gesamtumfang: 20.707 Zeichen / 12 Normseiten  |  Frei zur Verwertung
Umfang der Leseprobe: 3.587 Zeichen / 2 Normseiten (17%)

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