Babylon in Riga
Von Matthias Knoll
Während es im Sommer 2002 in Westeuropa aus Kübeln goß und die Fluten anschwollen, sorgte ein Dauerhoch über dem nördlichen Mitteleuropa wochenlang für italienische Temperaturen um die 30 Grad und extreme Trockenheit. Nur der glückliche Umstand anhaltender Windstille verhinderte in Lettland Waldbrände von kalifornischen Ausmaßen.
Am 10. September kam schließlich eine Brise auf. Und just bei dieser Wetterlage schlug mir während eines abendlichen Spaziergangs durch den Rigaer Stadtwald von Biíernieki plötzlich der Geruch von Brand in die Nase. Im Unterholz entdeckte ich eine verkohlte Fläche von etwa 30 m² und mehrere im leichten Wind knisternde Glutnester. Die Feuerwehr rufen! Aber wie?
Den nächsten für einen Löschzug befahrbaren Waldweg zur Straße getrabt keine Telefonzelle weit und breit. Autos halten nicht an, wenn jemand am Straßenrand winkt oder gestikuliert, schon gar nicht in der Abenddämmerung. Endlich entdecke ich Passanten, zwei junge Männer um die 30. Haben Sie vielleicht ein Mobiltelefon dabei? sprudele ich auf lettisch hervor, wir müssen die Feuerwehr anrufen... Schto? unterbricht mich der Angesprochene. Das ist russisch und bedeutet ,Wie?.
So weit allerdings keinen Deut weiter reichen meine Kenntnisse dieser slawischen Sprache, die mit dem Lettischen in etwa so viel gemeinsam hat wie Spanisch mit Dänisch. Fast jeden Tag erlebe ich dieses Wörtchen als Reaktion, wenn ich in Riga, der Hauptstadt der souveränen Republik Lettland, lettisch spreche. Worauf ich meinen Text auf deutsch wiederhole. Deutsch ist nämlich meine Muttersprache, die ich keineswegs vergessen habe, obwohl ich tagtäglich in der Landessprache Lettisch kommuniziere übrigens nicht nur mit Letten, sondern auch mit Franzosen, Esten, Kanadiern, Norwegern, Mexikanern, Holländern, Ukrainern, Litauern oder Japanern, die sich länger in Lettland aufhalten und selbstverständlich des Lettischen mächtig sind. Nicht nur aus Loyalität, sondern weil es ganz einfach die gemeinsame Sprache all jener Menschen ist (bzw. sein sollte), die auf diesen vierundsechzigtausend Quadratkilometern Erdoberfläche leben.
Mit der Annexion der souveränen Republik Lettland durch die Sowjetunion am 17. Juni 1940 wurde das Russische de facto zur Verkehrssprache in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik (LSSR). Die Bürger hatten damit zurechtzukommen, und sie taten es auch schließlich kann ein durchschnittlich intelligenter Mensch eine Fremdsprache (insbesondere dann, wenn sie ihn im Alltag ständig umgibt) innerhalb weniger Wochen so weit erlernen, daß er sich verständlich machen kann. Zumindest Standards wie Guten Tag, bitte und danke kann er sich innerhalb von zehn Minuten einprägen. In den sibirischen Gulag-Lagern oder der sogenannten Sonderansiedlung blieb den deportierten Letten gar nichts anderes übrig, als sehr schnell Russisch zu lernen, wenn sie überleben wollten.
Es würde an Rassismus gemahnen, behauptete man, Russen seien intellektuell nicht in der Lage, eine Fremdsprache zu erlernen nicht zu reden von der Sprache des Landes, in dem sie leben, und die sie tagtäglich in Wort und Schrift umgibt. Vielmehr geht es hier um eine Frage des Willens. Und der Notwendigkeit.
Denn die Letten machen es Anderssprachigen nicht leicht, lettisch zu lernen. Weil sie es ihnen zu leicht machen und russisch sprechen. Bei der geringsten Schwierigkeit seines Gegenüber, sich auf lettisch auszudrücken, wechselt der höfliche Lette und dieser bildet die erdrückende Mehrheit anstandslos, organisch und ungebeten zur jeweiligen Fremdsprache: je nach Auftreten und Akzent Russisch für die einen, Englisch (zuweilen auch Deutsch) für die anderen. Manche westliche Ausländer, meist bemüht, sich die Landessprache zumindest ansatzweise anzueignen, reagieren da regelrecht sauer sie fühlen sich in ihrem Willen zur Integration zurückgewiesen.
Die Russischsprachigen wiederum schleppen ideologische Altlasten der Sowjetzeit mit sich herum. Jahrzehntelang wurde das Lettische als Hundesprache apostrophiert, die Letten galten wegen ihrer Nähe zum westlichen Kulturkreis (oder wegen ihres erbitterten Widerstands gegen die Rote Armee) als Faschisten oder zumindest als suspekt und auf jeden Fall als minderwertig. Wie kurz eine Zeitspanne von elf Jahren ist, um gesellschaftliche Muster zu verändern, wissen wir nur allzu gut aus der deutschen Nachwiedervereinigungsgeschichte.
Warum sollten die Russischsprachigen ein Interesse daran haben, sich freiwillig in die lettische Sprache, Kultur und Gesellschaft zu integrieren? Die Sprache ist der Schlüssel zum Herzen eines Volkes, hat ein kluger Mann einmal gesagt, und er hat recht. Wer als Nicht-Lette die Schallmauer durchbricht und ein Gespräch auf lettisch führen kann, wird von einem jeden Letten unablässig für seine Sprachkenntnisse gelobt und gepriesen. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft, kann aber auch auf die Nerven gehen. Letztendlich ist die Sprache nur ein Instrument, um sich mitzuteilen und den anderen zu verstehen. Und wenn ständig das Instrument im Vordergrund steht, wo bleibt dann die Musik?
Die Letten sind ein zahlenmäßig kleines Volk, und ihre valodiòa, das Sprachelein im liebevollen Deminutiv, empfinden sie eben als kleine Sprache. Aber die hat es gehörig in sich: Zum einen gilt das Lettische als eine der ältesten Sprachen Europas. Es bildet zusammen mit dem Litauischen einen eigenen den baltischen Zweig innerhalb der indoeuropäischen Sprachenfamilie.
Zum anderen ist die lettische Sprache die unter wechselweise deutscher, polnischer, schwedischer, russischer und sowjetischer Herrschaft jahrhundertelang im Schatten des Deutschen stand das entscheidende identitätsstiftende Moment der lettischen Nation. Diese ist mit rund 1,5 Millionen Menschen, die sie beherrschen, recht exklusiv. Und ,exklusiv heißt nun einmal ,ausschließend. Wer lettisch spricht, gehört zur Familie, und nicht jeder wird ohne weiteres in diese Familie aufgenommen. Man schaut nicht nur auf die Worte, sondern auch auf die Taten.
Aber die Sprache ist nicht nur ein Schlüssel zum Herzen eines Volkes, sondern auch zur Staatsbürgerschaft. Diese zu besitzen, ist in Lettland nicht nötig, im Gegenteil: können staatenlose Einwohner Lettlands kostenlos und bequem ohne Visum nach Rußland reisen, so muß der eingebürgerte Russe die Schmach hinnehmen, bei der russischen Botschaft Schlange zu stehen und teures Geld für die Einreise zu berappen. Außerdem gibt es da noch unliebsame staatsbürgerliche Pflichten wie den Wehrdienst. Andererseits verschafft der lettische Paß Visafreiheit in die EU- und viele andere westliche Länder.
Somit gerät die Kenntnis der kleinen lettischen Sprache letztlich zum Schlüssel zu den westlichen Märkten. Der Markt reguliert sich selbst, heißt es: vielleicht sind es diese globalen Interessensphären, die endlich eine Integration der russischsprachigen Bevölkerungsteile in Lettland bewirken im Unterschied zu den millionenschweren Integrationsprogrammen der lettischen Regierung, die aus dem ohnehin schon schmalen Staatshaushalt finanziert werden. Vielleicht kommen die dann freiwerdenden Mittel den Rentnern zugute. Die ihr Dasein teilweise mit einer Rente von umgerechnet 80 Euro fristen müssen.
Daß der Wald von Biíernieki am 10. September nicht abgebrannt ist, haben die Rigenser übrigens einem Steppke zu verdanken, der gemächlich auf dem Bürgersteig dahergeradelt kam, den Grund meiner hilflosen Verzweiflung Deg uguns, jâzvana viens-viens-divi! sofort erfaßte und als Dolmetscher tätig wurde. Im Handumdrehen war der Anruf getätigt, und nach zwanzigminütigem Warten konnte ich den Löschzug zum Brandherd dirigieren.
Der Artikel ist unter dem Titel Die Feuerwehr rufen! Aber wie? erschienen in: Das Parlament vom 14. 10. 2002
© Matthias Knoll
Gesamtumfang: 9.252 Zeichen
Textumfang: 9934 Zeichen / 5,5 Normseiten
Frei zur vertraglich geregelten Verwertung
www.literatur.lv
|