Amanda Aizpuriete

Eine Nacht voll Poesie

Roman (Fragment)

Es war nachts um drei. Oder vielleicht vier. Oder zwei. Ich hatte vergessen, für die einzige noch funktionierende Uhr eine neue Batterie zu kaufen, und die Zeiger verharrten hartnäckig auf halb sechs. Aber es war die regnerische Mitte einer feuchtklammen Herbstnacht, und seit meiner Kindheit habe ich einen archaischen Faible für alle märchenhaften Zahlen, die sich durch drei teilen lassen.
     Nachdem ich festgestellt hatte, daß das Zimmer völlig verraucht war, leerte ich also nachts um drei den Aschenbecher und öffnete das Fenster. Der wenig feinfühlige Wind machte sich augenblicklich daran, in den Spuren meiner fruchtlosen Bemühungen zu rascheln - rings um das Bett verstreute, mit ein und den selben Wörtern vollgekritzelte Blätter. Handschuhe ... ein Paar ... Hand ... Handteller ... die linke ... die rechte ... Stufen ... drei ... schien ... deuchte ... du stirbst ... Ich hatte die halbe Nacht damit zugebracht zu versuchen, drei lächerliche Strophen ? vier Zeilen zu übersetzen. Deren Autorin hatte eine Vorliebe für Übertreibungen: keinerlei normales Leben, ein einziges Zugrundegehen oder zumindest Trennung für alle Ewigkeiten, wobei nicht ganz deutlich wurde, was ihrer Ansicht nach das größere Übel ist. Mit meiner Lebenserfahrung hatte das nicht viel zu tun - und, wie ich beim Durchblättern einiger literaturgeschichtlicher Bände feststelle, mit ihrer eigenen auch nicht, denn sie wurde in Anstand und Würde alt, trennte sich unzählige Male von ebenso unzähligen Männern und starb erst ganz zum Schluß.
     Das, was in dem Gedicht geschah, war vor rund hundert Jahren geschehen. Genauer gesagt, überhaupt nichts war vor rund hundert Jahren geschehen. Eine junge Dame verließ ein Gebäude, wobei sie aus unerfindlichen Gründen Kraftlosigkeit und Kälte in ihrer Brust verspürte, eilte aber nichtsdestotrotz leichten Schrittes dahin. Ihr deuchte, daß sie eine sehr lange Treppe hinabsteigen müsse, obgleich sie wußte, daß es dort nur drei Stufen gab. Außerdem deuchte ihr, daß in den nassen Ahornbäumen längs der Allee das Flüstern des Herbstes zu hören war. Dieser beklagte sein elendes Schicksal und schlug der jungen Dame vor, gemeinsam mit ihm zu sterben, und die junge Dame ging gerne auf diesen Vorschlag ein. Ach ja, das wichtigste habe ich fast vergessen: vor dem Herabsteigen besagter drei Stufen hatte sie den linken Handschuh auf die rechte Hand gezogen. Ich wußte, daß damals - vor nunmehr über hundert Jahren - Tausende Freunde der Poesie diese Zeilen auswendig konnten. Aber ich wußte nichts mit ihnen anzufangen.
     Ich saß im Bett und schlürfte längst kalt gewordenen Kaffee. Neben mir schnarchte leise mein Mann. Das Fenster stand noch immer offen, und rings um das Bett raschelten noch immer die vergeblich vollgekritzelten Blätter. Es raschelte und knisterte... Und das Fenster war von alleine zugeschlagen... Doch es raschelte und knisterte noch immer. Eine hochgewachsene Frau in einem weißgeblümten Seidenkleid sammelte die unglückseligen Seiten eine nach der anderen auf, indem sie sich anmutig niederhockte. Bei der Berührung mit den seidenen Strümpfen raschelte bei jedem Hinhocken leise ihr Kleid. Wenn es im Zimmer dunkel gewesen wäre, hätte man sicher sehen können, wie Funken statischer Ladung von einem Knie zum anderen übersprangen.
     „Manuskripte eignen sich ausgezeichnet zum Einheizen des Kamins”, sagte die Frau. Sie hatte sicherlich recht, aber in unserer Wohnung im siebten Stock eines neungeschossigen Hauses gibt es keinen Kamin und es kann auch keinen geben, weshalb ich die beschriebenen Papiere gewöhnlich in den Müllschlucker werfe.
     „Sehen Sie, Teuerste”, fuhr die Frau fort, nachdem sie sich auf einen Stapel Bücher neben dem Bett gesetzt und ihr Kinn in die Hand gestützt hatte, „Sie haben eine etwas falsche Vorstellung vom Leben. Sie verbringen gewiß viel zu viel Zeit in Ihren vier Wänden... Haben Sie etwas dagegen, wenn ich rauche?”
     Ich hatte nichts dagegen und schob ihr den Aschenbecher hin. Aus einem violetten Brokattäschchen zog sie eine Schachtel Sappho hervor. Trotz des poetischen Namens stanken diese Papirossi noch übler als meine Elitas¹.
     „Wann waren Sie das letzte Mal auf einem Ball?” fragte sie. Da ich mich ad hoc nicht erinnern konnte, ob es sechs oder sechzehn Jahre her war, schwieg ich.
     „Das habe ich mir schon gedacht.” Nachdrücklich nickte sie mit dem Kopf. Die an ihrem Hütchen befestigte grauschimmernde Straußenfeder erbebte. „Sie haben es vergessen... Verzeihen Sie, wenn meine Frage taktlos klingt, aber macht dieses Wesen immer einen solchen Lärm?” Ihre schmale Hand wies auf meinen schnarchenden Gatten. Eigentlich ist es ja vollkommen natürlich, wenn man um drei Uhr nachts schläft, zudem bin ich ausgesprochen froh darüber, daß mein Mann schlafen kann, ohne daß ihn das eingeschaltete Licht oder meine nächtliche Geschäftigkeit stört - genau so, wie auch ich an sein Schnarchen gewöhnt bin und gelegentlich sogar erschrecke, wenn er sich im Schlaf zufällig in eine leisere Lage dreht. Da ich jedoch meine Gastfreundschaft beweisen wollte, piekste ich meinem Mann in die Seite und erkundigte mich recht harsch, ob er sich nicht ein bißchen leiser benehmen könne. Er hob den Kopf vom Kissen, öffnete den Mund - wahrscheinlich um wieder einmal zu beschwören, daß er überhaupt nicht schnarcht und nie geschnarcht hat -, stellte dann fest, daß wir Besuch hatten, schloß den Mund rasch wieder, warf einen Blick auf seine graubehaarte Brust und wickelte sich ins Laken.
     „Ja, so ist es sehr viel besser.” Die Straußenfeder schwankte wieder, und die nächste Papirossa glühte auf. Der Rauch legte sich wie ein Schleier um mein Gesicht, und ich begann zu hüsteln.
     „Meinen Sie nicht auch, daß Sie ihr ein Glas kühlen Wein bringen sollten, mein Bester?”
     Durch den Rauch und das Hüsteln konnte ich den Gesichtsausdruck meines Mannes nicht erkennen. Ich sah lediglich, wie seine in ein weißes Laken gewickelte Gestalt aus dem Zimmer glitt. Einen Augenblick später kehrte er zurück, nunmehr in den Ledermantel unseres fünfzehnjährigen Sohnes gekleidet - offensichtlich war dies das einzige ausreichend lange Kleidungsstück, das er im Korridor hatte finden können - und reichte mir eine Tasse Wasser. Über den Tassenrand hinweg beobachtete ich, wie er es sich auf einem zweiten Bücherstapel bequem machte. Auf der rechten Mantelbrust war „Sieg den Punks!” zu lesen und auf der linken die Aufforderung, die Welt zu ficken.
     „Sie waren also schon lange nicht mehr auf einem Ball... Und genauso lange haben Sie wahrscheinlich nicht getanzt... und sich verliebt...”
     „Na ja, wie man’s nimmt...” murmelte ich.
     „Nein, haben Sie nicht! Sie können sich nicht einmal daran erinnern, wie Ihnen die Knie weich werden, wenn Sie in hochhackigen Schuhen an der Seite Ihres Auserwählten gehen. Und er in seiner männerüblichen Beschränktheit in das am schlechtesten gepflasterte, matschigste Gäßchen einbiegt - schließlich hat er nicht die geringste Ahnung, daß Ihre Schuhe für derartige Exkursionen nicht geeignet sind. Und wenn Sie schließlich ganz und gar außer Atem sind, zerrt er Sie unter einen triefenden Baum und will Sie leidenschaftlich küssen. Daß Sie Gefahr laufen, sich eine Lungenentzündung zu holen, stört ihn wenig ...”
     „Na, Sie haben ja grelle Stories drauf”, sagte mein Mann anerkennend. Er war natürlich fest davon überzeugt, daß ich mich an nichts dergleichen erinnern konnte.
     „Und die Handschuhe... Sie haben sicherlich irgendwelche plumpen Fäustlinge vor Augen, bei denen es keine Rolle spielt, welchen von beiden man auf die rechte und welchen auf die linke Hand zieht... Aber sie müssen von schimmerndem Atlas sein, mit schmalen, ganz schmalen Fingern, damit die Hände noch schlanker wirken... Dann stehen Sie beim Abschied lange unter dem Vordach der Haustür und ziehen die Handschuhe an. Sie ziehen und ziehen Sie an, ohne sie ganz anzuziehen, denn Sie wollen nicht gehen... Und schließlich werfen Sie den einen Handschuh einfach zu Boden und laufen fort... Und er bewahrt ihren Handschuh in einer geheimen Schublade auf, und Sie wissen, daß er ihn abends manchmal hervorholt und an seine Wange preßt...”
          „Wie heißen Sie eigentlich?” fragte mein Mann sachlich.
          „Sie können mich Anna nennen.”
          „Sehr angenehm. Ich glaube, uns allen würde jetzt ein Kaffee gut tun. Was meinen Sie?”
          „O! Kaffee...” Sie sprach dieses Wort mit einer derart träumerischen Stimme aus, als hätte man ihr ein Champagnerbad in einem romantischen Königsschloß in Aussicht gestellt und nicht ein Gebräu aus irgendeinem undefinierbaren Pulver, denn von echtem, aromatisch duftenden Kaffee gab es in unserem Haushalt vollkommen verarmter Intellektueller natürlich nicht die geringste Spur. Wir begaben uns in die Küche, in der es genau so aussah, wie es in einer seit zehn Jahren nicht mehr renovierten Küche eben aussehen muß, und in der sich vor einigen Stunden ein fünfzehnjähriger Punker - der sich zu solchen die Würde eines freien Menschen verletzenden Betätigungen wie Geschirrspülen nicht herabläßt - ein seinem gesunden Appetit entsprechendes spätes Abendbrot zubereitet hatte.
          Saldumiòð² - diejenige von unseren drei Katzen mit der Vorliebe für Süßigkeiten - hatte den zum Frühstück vorgesehenen Stollen aus dem Brotkasten gefischt. Eine der beiden anderen hatte sich in der großen Bratpfanne neben den Überresten eines Omelettes zusammengerollt. Begleitet vom Geräusch zertretener Eierschalen scheuchte ich Saldumiòð vom Tisch, setzte Wasser auf und schob Anna einen einigermaßen sauberen Hocker hin. Sogleich sprang die dritte Katze - diejenige, die es immer fertigbringt, Duftfläschchen zu Boden zu werfen, um sich an den vergossenen Düften zu berauschen - auf Annas Schoß und schnurrte mit solcher Begeisterung, als wäre sie an den größten Parfumflaçon der Welt geraten.
          Die Eierschalen knirschten lauter, denn mein Mann betrat die Küche. Seine abgelatschten Samtpantoffeln hatte er gegen die hohen Schnürstiefel unseres Sohnes vertauscht und sah nun aus wie der Hauptmann einer exotischen revolutionären Armee.
          „Wie schön, daß Sie Katzen haben. Mich hat schon immer ihr geheimnisvoller Blick fasziniert”, flötete Anna.
          „Sie haben ganz recht. Katzen sind außerordentlich ungewöhnliche Tiere”, pflichtete mein Mann begeistert bei, als würde er nicht täglich mindestens ein paar Mal damit drohen, die unsere Nerven malträtierenden Viecher aus dem Fenster zu werfen. „Sie wissen sicherlich, daß Katzen im alten Ägypten...”
     Weiter hörte ich nicht zu. Das Wasser brodelte und ein paar Tassen mußten her, zudem knirschten die auf dem Boden verstreuten Eierschalenreste jetzt sehr laut, denn mein Sohn trampelte auf ihnen herum. Als er die Geräusche aus der Küche hörte, wird er sich sicher gedacht haben, daß ich einen Hausfrauenanfall hatte. Welch Enttäuschung: sich in der Hoffnung, daß hier >pîrâdziòi³ oder wenigstens Pfannkuchen gebacken werden, aus dem Bett zu bemühen, um festzustellen, daß nichts dergleichen geschah, sondern vielmehr intellektuelle Kaffeegespräche ohne Eßbares in der Küche veranstaltet wurden. Im Gegensatz zu seinem Vater versuchte der Sohn gar nicht erst, seine grellgestreiften Unterhosen zu maskieren. Er setzte sich umstandslos an den Tisch, schaufelte fünf Teelöffel Zucker in seine nicht besonders saubere Halblitertasse und wartete auf das heiße Wasser.
          Sämtliche Porzellantassen lagen unabgewaschen in der Spüle, daher schüttete ich das unnatürlich scharf riechende Kaffeepulver in emaillierte Blechtassen und reichte Anna die mit einer recht realistischen Mohnblüte verzierte. Blechtassen werden ja immer idiotisch heiß, aber diese schien zu glühen. Als meine Hand Annas manikürte Fingernägel berührte, ertönte ein lauter Knall - als hätte ich ein blankes Stromkabel angefaßt. Knall und Blitz, und Dunkelheit...
          Und dann vernahm ich ein rhythmisches Dröhnen, daß weder dem Brummen des Kühlschranks noch dem Punkrock aus der Anlage meines Sohnes glich. Ich schlug die Augen in dem Moment auf, als eine von zwei schimmernden Pferden gezogene Kutsche über das Kopfsteinpflaster an mir vorbeifuhr. Ich saß auf einer weißgetünchten Bank mit gußeisernen Armlehnen, neben mir lag eine geöffnete Konfektschachtel, und auf meinem Schoß schnurrte Saldumiòð, die Katze. [...]

2002
Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

¹ Elita: billige lettische Zigarettenmarke
² saldumiòð: eig. "kleine Süßigkeit"; oft als Koswort verwendet (Schleckermäulchen, Sweety o. ä.)
³ pîrâdziòð, pl. pîrâdziòi: hörnchenförmige, mit Speck, Kohl, Kartoffeln o. a. gefüllte Teigtaschen; typisch baltische Spezialität, die sich auch in Rußland großer Beliebtheit erfreut (vgl. Piroggen)


Lettischer Originaltitel: Atdzejotâjas murgs
[unveröffentlicht]

© der deutschen Übersetzung M. Knoll
Umfang der Leseprobe: 12.242 Zeichen / 7 Normseiten

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