Amanda Aizpuriete
Die Stille danach
Ansprache zur Eröffnung des Eurolab für Kunst und Kultur
in München am 10. April 2002
Vor einigen Wochen lasen im Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee fünf Berliner Schriftsteller Auszüge aus Romanen, die Anfang dieses Jahres erschienen sind. Diese Romane strotzen vor recht beißendem Humor und stechenden Reflexionen, und ihre Handlung spielt in der näheren oder ferneren Vergangenheit - vor zwölf, zwanzig beziehungsweise siebzig Jahren. Das Publikum lachte viel und herzhaft, und der Moderator bewies intellektuelle Tiefe, indem er schlußfolgerte, daß jetzt, mit ausreichender zeitlicher Distanz, der richtige Moment gekommen sei, über jenes von Grenzlinien verstümmelte Deutschland zu schreiben, das es nicht mehr gibt und das zu einer grotesken Erinnerungslandschaft geworden ist.
Irgendetwas an dieser Atmosphäre allgemeiner Heiterkeit erinnerte mich an eine unlängst gesehene Fernsehreportage über ein Fotostudio in Shanghai. Siebzigjährige Ehepaare, denen es in der Mao Tse Tung-Ära nicht vergönnt war, anständig Hochzeit zu halten, weil die Ideologie des kommunistischen China jegliche Form von Privatleben zu liquidieren bestrebt war, - diese Ehepaare lassen sich also anläßlich ihres fünfzigsten Hochzeittages fotografieren. Das Studio hat für seine Kundschaft eine Kollektion prachtvoller Kleider erworben: die Frau trägt zum ersten Mal in ihrem Leben ein weißes Spitzenkleid mit Schleppe und den Brautschleier, der Mann schlüpft in einen Anzug, der eines Bräutigams würdig ist, Stylistinnen versuchen, die Spuren der Zeit in den Gesichtern des Brautpaares unter Schichten von Schminke und Puder zu verbergen, und schließlich wird zwischen üppigen Kulissen posiert. Das Studio verleiht auch Seidengewänder und teures Sportler-Outfit, um vor entsprechendem Hintergrund innerhalb von zehn Minuten Hochzeitsreise und Flitterwochen nachzuholen. Zum Schluß erhält das Paar dann ein Album mit Farbfotos, in dem alles fast wie in Wirklichkeit ist. Alles, wie es vor fünfzig Jahren hätte sein sollen. Wenn sie sich in dieses Abenteuer begeben, bringen die meisten ein kleines Schwarz-Weißfoto mit, auf dem ihre Gesichter jung und ungeschminkt sind - jenes Bildchen nämlich, auf dem die Werktagsrealität ihrer kommunistischen Hochzeit fixiert ist.
Dennoch wiegt dieses eine Schwarz-Weißbildchen schwerer als das ganze bunte Album. Von gleichem Gewicht könnte lediglich ein Foto sein, das jedoch ungeknipst bleibt: Zwei alte Menschen mit verlegenem Lächeln auf den noch ungeschminkten Gesichtern - Menschen, die sich ein wenig schämen für ihren Wunsch, sich eine gefälschte Vergangenheit zu kaufen.
Ob die Fälschung von Vergangenheit und Gegenwart in der europäischen Literatur wohl eine ebenso normale Erscheinung ist wie im Leben relativ gut situierter älterer Einwohner von Shanghai? Es scheint fast unmöglich zu sein, diese Frage zu beantworten, denn noch immer gibt es keine kulturelle Ganzheit in Europa. Ostdeutschland ist - just wie Amerika für Kolumbus - zu den „Neuen Ländern” geworden. Die gesamte dortige Realität müßte eigentlich aus der Erinnerung gelöscht werden. Als ob es dort keine bedeutsamen Maler gegeben hätte, als ob die dortigen Literaten es nicht verstanden hätten, durch das Nadelöhr der Zensur zu schlüpfen, als ob der damalige Ost-Berliner Uwe Kolbe vor zwanzig Jahren nicht die Hoffnungen ganz Osteuropas, das von sozialistischen Regimes geknechtet war, im Gedicht manifestiert hätte.
Im Jahr 2000 haben Schriftsteller aus über vierzig europäischen Staaten eine gemeinsame Bahnreise quer durch den gesamten Kontinent unternommen - von der portugiesischen Atlantikküste bis zur Ostsee. Diese Reise geriet zu einem weiteren - und zwar sehr überzeugenden - Beweis dafür, daß wir einander so gut wie gar nicht kennen. Versuchen Sie, sich folgende Situation vorzustellen: Nachdem er erfahren hat, daß Sie Deutscher sind, tritt ein Unbekannter an Sie heran, um Ihnen gegenüber seine Begeisterung für die deutsche Literatur zu bekunden. Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, daß er neben „Faust Eins” einiges von Rainer Maria Rilke und Franz Fühmann sowie einen Gedichtband von Sarah Kirsch gelesen und außerdem im Rahmen eines internationalen Theaterfestivals Igor Bauersims Stück „Norway. Today” gesehen hat. Alle genannten Beispiele sind großartig, und trotzdem: Würden Sie Ihren Gesprächspartner als jemanden bezeichnen, der sich in der deutschen Literatur auskennt?
Ein Tscheche wird oftmals Anerkennung ernten, die an den charmanten Soldaten Schwejk adressiert ist; im Gespräch mit einem Polen wird sich mit Sicherheit der eine oder andere an die Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz oder Wisùawa Szymborska erinnern. Für einen Esten oder Letten stehen die Chancen schlechter, es fehlt an automatischen Assoziationen. Drückt man auf diesen Knopf, geht kein Lichtlein auf.
In Wirklichkeit kennen wir auch die Historie des jeweils anderen nicht. Als unauslöschlichen und noch immer schmerzvollen Abschnitt meiner Biographie erinnere ich mich an die langen Monate zwischen jenem Zeitpunkt, da Lettland seine Unabhängigkeit proklamierte, und dem Tag, da andere Staaten begannen, diese Unabhängigkeit offiziell anzuerkennen.
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Geh mit dem Schwamm über deinen Jubel,
kehr deine Slogans aufs Blech.
Im Gleichschritt schreiten die Welten,
die ausreichend Sonne hatten.
Schweig, wenn du ein Scheidweg bist,
streite dich nicht, Ordnung muß sein.
Ein Stückchen Jenseits wird dir zuteil,
köstlich wie ein vergifteter Apfel.
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Ich hege keinen Zweifel daran, daß es auch im Werdegang anderer europäischer Staaten ähnliche, von außen unbemerkt gebliebene Augenblicke schmerzlichen Zweifels und Nicht-Begreifen-Könnens gibt. Die Titelseiten der Zeitungen werden von jenen Katastrophen gefüllt, die sich soeben ereignet haben. Wir jedoch pflegen im Schatten von Katastrophen zu leben, die noch nicht stattgefunden haben.
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Es ist spät. Am Wegrand schläft der Krieg, unterm Kopf
den Schnappsack gestopft mit Leben.
So spät, daß Dichter auferstehn,
ein Leiterwagen von zahmem Wind gezogen
hier stehnbleibt. Zigeuner springen herab springen
stracks hinein in den Tanz. Der Krieg
schläft auf seinem Schnappsack, erwacht nicht
gehüllt in den Staub des Tanzes.
Scheppernder Kupferschmuck der Zigeunerinnen
wie billige Reime, wofür die Dichter
so teuer bezahlen. Der Krieg unterm Staub,
nicht beerdigt, kann erwachen noch.
Diese Dichter und Zigeunerinnen - die,
wie immer, voraussehn. Es ist spät.
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Schießt nicht auf den Pianisten
und laßt den Dichter laufen,
auf daß wir in der Stille danach
nicht ersaufen.
Noch ist der Fußboden klebrig vom Blut,
der Pianist jedoch sitzt am verletzten Klavier,
und die heißen Stirnen umkost eine alte Weise
gleich einer sanften Brise vom Meer so leise,
und der Dichter am Tischchen
zerreißt Leben und Tod zu Gedichten.
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Aus dem Lettischen von Matthias Knoll
Geh mit dem Schwamm ... : Deutsch von Manfred Peter Hein. Aus: Die Untiefen des Verrats, S. 55. Rowohlt, 1993
Es ist spät. Am Wegrand ... : Deutsch von Manfred Peter Hein. Aus: Die Untiefen des Verrats, S. 15. Rowohlt, 1993
Die Rede liegt auf lettisch nur als Manuskript vor.
© der deutschen Übersetzung M. Knoll
Gesamtumfang: 6.040 Zeichen / 3,5 Normseiten, publikationsfertig
www.literatur.lv
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